Deutsche Geschichte(n)

           Susanne Gottschalk

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Der Pass

 c by susanne gottschalk

Es war  ein Junitag wie er sein muss, schön und warm, frühsommerlich, doch ihnen war kalt, sie  schwiegen, nur die Gedanken liefen auf Austausch, unsichtbar, drahtlos, die ganze Zeit.

Sie  waren auf dem Weg nach  Berlin, Ostberlin, denn  sie sollte einen Pass bekommen und das machte diesen Tag so grundsätzlich anders.

Im Stillen hoffte sie  immer  noch, den Pass nicht zu bekommen, ihre  Koffer  hinten im Auto nicht  zu benötigen,  zwei waren es, „Überlebenskoffer“ – für die andere Welt.  

Die Oranienburgerstraße war heiß und hässlich wie immer. Sie ging hinein in die Tür,

wo der Pass auf sie wartete.

Er blieb draußen vor der Tür,  auf der anderen Straßenseite, die sie  bald drei Jahre  trennen sollte, das  wusste sie  noch nicht, als sie die  knarrende Treppe hinauf ging.

Sie ging also die Treppe hinauf, es war ein altes Haus und ein altes Sekretariat mit einer netten Frau, gesichtslos geworden, „ja ich weiß“, hörte sie  sie sagen,  schaute sich um, sah weitere Türen, die  wohl zu dem  Herren der Pässe führten,

 „hier, ich brauche noch eine Unterschrift“, hörte sie die gesichtslose Frau wieder freundlich sagen,  sie schaute immer nur auf diese Türen, jeden Moment gefasst, dass sie sie  hineinsogen, wie in ein schwarzes Loch. Es war sehr still, fast friedlich. Sie  hielt die Anspannung  fast nicht mehr aus.

 Sie musste  wohl unterschrieben haben, denn sie  bekam den, einen  Deutschen Pass und   Geld, 50 Deutsche Mark, die natürlich  gegen Quittung,  wieder mit Unterschrift.

Es dauerte  keine Viertelstunde, in ihr lief ein Leben ab und sie stand  draußen, jetzt vor der alten schweren Tür – mit dem Pass, dem Geld, dem Leben.

Wie  sie auf die Strasse kam,  wusste sie nicht mehr, die äußere Hitze  schlug ihr entgegen, konnte  jedoch nichts  gegen die Kälte in ihrem Herzen ausrichten.

 

Er stand gegenüber und wartete, sie hatte den Pass, sie sahen sich an, still, sekundenschnell,  und  jeder wusste was das Bedeutete. Das Schweigen wurde lauter, so laut, dass  sie hätte schreien können. Es hätte ein ganz normaler Tag sein können. Ihnen blieben noch drei Stunden oder vier.  Die andere Welt zeigte sich schon, denn sie konnte eine Fahrkarte kaufen,  eine Fahrkarte mit einem Ziel, das es ohne Pass nicht gab oder zu geben hatte.  

Sie aßen  noch Etwas oder taten so, was lag näher, die andere Straßenseite zu benutzen, gleich durch den Tränenpalast, doch der Weg  durch dieses Land  bestand aus Umwegen.

 

Die Minuten vor der Abfahrt des Zuges  waren wie unter einer Reißleine, sein Kopf lag in ihrem Schoß, sie wollte nicht einsteigen, die Abteiltür war offen, aber nur  für sie.

Der Zug fuhr tatsächlich an, mit ihr, dem Pass und ihrem  Leben, im Koffer seine  Einsamkeit und  seine Verzweiflung.

 

043esffaehrteinzugnachnirgendwo.jpg (121614 Byte)             Stunden später.

Es ist Nacht.  Mein Zug hält, der Interzonenzug. Sie kommen Ich habe Angst – hier ist es also das Ende der Welt, meiner Welt, 33 Jahre, Zeitende.

 

Prüfender Blick und Vorlegen der Reisedokumente, fürchterliche Beklommenheit – vorbei. Nun, junge Frauen. Zackig, militärisch – nie gelebte Zeit als Erinnerung wird wach,  wiederholen sich  die Zeiten? Haben  wir das Jahr 33 oder 86, was ist Wirklichkeit? Man wird darüber noch nachzudenken haben.

Ich muss raustreten, ein Alptraum? Ich kann nicht erwachen, weil ich nicht schlafe. Ein junges Ding schmeißt sich  auf den Fußboden, den unsauberen, in jedem Abteil, jederzeit einen Schwarzfahrer zu erspüren, schlimmer noch einen  Grenzverletzer, einen Flüchtling aus dem Alptraum.  Mein Fuß hebt sich schon  und hat einen  fast unwiderstehlichen Wunsch in mir ausgelöst, niemals wieder hatte ich so ein Hassgefühl.

„Grüß Gott“,  „hat noch jemand einen Wunsch?“ . „Weiß Gott“ , der Bundesgrenzschutz als  Schutzengel, wer hätte das gedacht.

 

Es schüttelt mich, der  Alp drückt mich, in mir  erzittert  etwas. Später erst hole ich die zerborstenen Jahre heraus,  viel  später. Grenze, Stacheldraht  und Todeszaun  - vorbei. Ich finde mich am offenen Abteilfenster  wieder, meine  Tränen sind wie ein Stausee, den man geflutet hat, keine Chance ihn zu aufzuhalten. Lautlos schütteln mich die Tränen, es bricht immer  noch heraus – was  weint denn  da so entsetzlich in mir?  Ich vernehme immer wieder einen Satz, ganz leise, „warum“, so höre ich „warum und mit welchem Recht so eingesperrt zu werden, schlimmer   als einen räudigen tollwütigen Hund, warum“ – diese Gedanken  schütteln und rütteln an mir, jedes Körperteil verselbständigt sich. Wütend meldet sich die Stimme der Aggression  - heimatlos geworden, getrennt von  Kindheit und Erwachsensein, Ankunft in  Hannover  2. 46Uhr  11.06.1986. Am Abend  wird  jemand zu mir sagen, dass ich  doch wohl  Geburtstag hätte, heute.

 

Briefwechsel .Scheinbrief. Mein Lieber,

durch das Telefongespräch ist  es mir etwas leichter ums Herz geworden. Aber ich möchte  nicht, dass Du deinen Schritt bereust. Ich möchte  Dich auf keinen  Fall verlieren, aber ich kann Dich nicht in ein Leben zwingen, dass Du  vielleicht gar nicht willst. Du hast gesagt, Du willst keine Scheidung. Bedenke, es können Jahre   vergehen,  bis wir uns die Hand geben können. Es wird  für Dich viel Schweres   und Nervenaufreibendes zukommen. Solltest Du  dennoch  bei dem Gesagten bleiben möchte ich Dir  im  Folgenden einiges Bedenkenswerte mit auf den Weg zu geben. Du musst Dich nicht danach richten, aber ich fühle mich verpflichtet, Dir etwas von der  Schwere  Deiner Entscheidung abzunehmen.                                                                      ( Kommentar aus Stasiakte  „ Die Gottschalk gibt schriftliche Anweisungen ....“).

Tagebuchnotizen

Antrag  auf „Sowjetzonenflüchtling“ gestellt, Chance  einen Ausweis zu bekommen ist gering, ich habe  nur  innere Verletzungen.

Cossebaude, Mein Liebes,

natürlich habe ich  Dir lange nicht geschrieben, aber meine Zeitsituation  kannst  Du Dir ja auch vorstellen. Zu Schreiben heißt ja aber auch, sich festlegen auf alles Mögliche. Ich brauche mich nach unserem Telefonat  und unseren Briefen auf nichts  mehr neu festlegen, es ist alles Wichtige zwischen  uns klar und die Zeit arbeitet  für uns. In jedem Fall. Wenn ich komme, werde ich sicher ein anderer sein als der, den Du verlassen hast, auch Du wirst Dich verändert haben. Wir werden manches(fast alles) neu beginnen müssen. Na wenn schon – ich würde Dich immer wieder heiraten! Aber wir sind ja in einer  Weise verbunden, aus  der uns keine menschlich-weltliche  Macht  entfernen kann. Sosehr ich unter der gegenwärtigen Situation unserer Trennung leide, sosehr hoffe ich, dass ich mich nie  daran gewöhnen kann. Es wird auch nicht sein.

Flaschenpost

Liebesbrief

Ich sage Dir nicht, dass Du mir fehlst,

ich bin gar nicht traurig,

mir geht es sogar gut.

Meine Stärke zerbricht jeden Abend neu,

und wird zu Wasser.

Nicht einmal die Gebote der Sonnenblumen helfen mir,

nein, ich weine nicht,

es ist nur  Wasser,

denn ich vermisse Dich nicht,

es geht mir gut.

 Murmeltierzeit

Es war ein Junitag wie er sein muss, schön und warm, frühsommerlich, doch uns war kalt, wir  schwiegen, nur die Gedanken liefen auf Austausch, unsichtbar, drahtlos, die ganze Zeit. Wir  waren auf dem Weg nach  Berlin, Ostberlin, denn  ich sollte einen Pass bekommen und das machte diesen Tag so grundsätzlich anders. Im Stillen hoffte ich  immer  noch, den Pass nicht zu bekommen, meine  Koffer  hinten im Auto nicht  zu benötigen,  zwei waren es, „Überlebenskoffer“ – für die andere Welt.

Die Oranienburgerstraße war heiß und hässlich wie immer. Ich ging hinein in die Tür, wo mein Pass auf mich wartete. Er blieb draußen vor der Tür,  auf der anderen Straßenseite, die uns  bald drei Jahre  trennen sollte, das  wusste  ich aber noch nicht, als ich die  knarrende Treppe hinauf ging. Ich ging also die Treppe hinauf, es war ein altes Haus und ein altes Sekretariat mit einer netten Frau, gesichtslos geworden, „ja ich weiß“, hörte ich sie sagen,  ich schaute mich um, sah weitere Türen, die  wohl zu dem  Herren der Pässe führten, „hier, ich brauche noch eine Unterschrift“, hörte ich sie wieder freundlich sagen,  ich schaute immer nur auf diese Türen, jeden Moment gefasst, dass sie mich  hineinsogen,; ich muss wohl unterschrieben haben, denn ich  bekam den, einen  Deutschen Pass und   Geld, 50 Deutsche Mark, die   gegen Quittung,  wieder mit Unterschrift. Es dauerte  keine Viertelstunde, in mir lief ein Leben ab und ich stand  draußen, jetzt vor der alten schweren Tür – mit dem Pass, dem  Geld.

 Wie  ich auf die Strasse kam,  weiß ich nicht mehr, die äußere Hitze  schlug mir entgegen, konnte  jedoch nichts  gegen die Kälte in meinem Herzen ausrichten. Er stand gegenüber und wartete, ich hatte den Pass, wir sahen uns an, sekundenschnell,  und  jeder wusste was das bedeutete. Das Schweigen wurde lauter, so laut, dass  ich hätte schreien können.

Es hätte ein ganz normaler Tag sein können, für uns  war es  D-day minus X. Uns blieben noch drei Stunden oder vier; ich weiß es nicht mehr. Die andere Welt zeigte sich schon, denn ich konnte eine Fahrkarte kaufen mit meinem Geld,  eine Fahrkarte mit einem Ziel, das es ohne Pass nicht gab oder zu geben hatte.

 

Wir aßen  noch Etwas oder taten so, was lag näher, die andere Straßenseite zu benutzen, gleich durch den Tränenpalast, doch der Weg  durch dieses Land  besteht aus Umwegen. Die Minuten vor der Abfahrt des Zuges nach Nirgendwo waren wie unter einer Reißleine, sein Kopf lag in meinem Schoß, ich wollte nicht einsteigen, die Tür war offen, aber nur  für mich. Gut, dass wir nicht die Fähigkeit haben, in die Zukunft zu sehen.

Der Film begann, ohne Kamera, ohne Regisseur, nur dass es kein Spiel war, hier war alles real. 

 D-day minus X

Die verfallenen Fassaden blickten aus ihren Fensterhöhlen auf sie herab, an der Ecke standen drei Männer mittleren Alters, Bierdosen in den Händen  haltend, es war kurz vor halb zehn, die Sonne schien auf den schmutzigen Schnee. Sie sah die Straßenbahn, den Kiosk, den Bäckerladen, die Menschen, den Schnee, die Sonne, den fahlen Himmel;

Es war still, kein Laut drang zu ihr vor, obwohl sie mitten unter all Jenem lebte, atmete – nur der Schmerz erreichte sie, umklammerte ihr Herz, bis Tränen ihr Erleichterung schafften. Sie sah sich gehen, die Strasse hinunter bis zur Schranke, eine Eisenbahnschranke. Sie wusste, dass sie  schon viele Male hier gewesen sein musste, und doch war  es so fremd. Auf dem Rückweg ging sie die gleiche Strasse hinauf, die Sonne  im Rücken, vorbei an den Männern im Overall, die noch immer  eine Bierdose haltend miteinander erzählten  und lachten, hinauf  zum Platz mit seinen  grauen Fassaden, am ehemaligen Stasigefängnis vorbei,

hinauf zum Platz, der immer noch „Platz der Freiheit“ hieß, so  als  wäre nichts geschehen,  50 Jahre lang  - nichts – die Sonne schien  ihr nun wieder ins Gesicht, der Schnee war matschig geworden und der Schmerz so stark, dass sie die Tränen  nicht zurückhalten konnte. Sie hatte das Gefühl, giftige Dämpfe einzuatmen, die von  einer gut bekannten Hydra  stammten, von der alle behaupteten, sie sei tot.  Sie gab ihren gesunden Atem ab und nahm das Gift in sich auf. Widerwillig. Nein, sie täuschte sich nicht, es war das gleiche  Gefühl nicht mehr atmen, nicht  mehr leben  zu können, Jahre liegen dazwischen, „es ist wie gestern“, so ihre Gedanken. Sie war nicht immun geworden, stellte sie mit Entsetzen fest, im Gegenteil, alles  war empfindlicher, größer, schmerzhafter. Sie blieb mitten auf dem Fußweg stehen und fragte sich „wo ist der Unterschied?“ Angerempelt, bewegte  sie sich langsam weiter, ganz langsam, irritiert  und erleichtert, der Schritt war fest – sie ging durch den Matsch, die Menschen, die Straßenbahn, die Sonne, den fahlen Himmel, tief einatmend und niemand hielt sie auf.

 ES“ war vorbei.

 Eine Episode in der Geschichte, aufgebraucht.

Sie ging ohne sich umzudrehen zurück in ihre eigene Geschichte.

 

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Der Übergang

Das graue Land
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